Programmierpraktikum in China 2007

31. Dezember 2007 | Reisebericht | Keine Kommentare

Im Oktober 2007 führte eine Gruppe von Informatik-Studierenden zusammen mit chinesischen Studierenden ein Programmierpraktikum als Wahlpflichtveranstaltung an der Henan Normal University (HNU) durch. Die HNU liegt in der chinesischen Stadt Xinxiang in der Provinz Henan.

Die engen Beziehungen zwischen dem Fachbereich 2 und der HNU sind untrennbar verbunden mit unserem Kollegen Prof. Uwe Timm und mit unserem inzwischen verstorbenen Lehrbeauftragten Dr. Cheng. Über 2 Jahrzehnte war Kollege Timm die treibende Kraft beim Austausch von Hochschulleitung, Professoren und Studierenden. 1994 war auf seine Initiative hin erstmalig eine Gruppe Studierender unter Leitung von Prof. Güsmann an der HNU. In den letzten Jahren fanden abwechselnd Physikpraktika und Informatikpraktika des FB 2 in China statt, so dass mittlerweile ca. 150 Studierende der FH Frankfurt einen Schein in Henan erworben haben. Das Praktikum 2007 wurde von der FH Frankfurt und dem DAAD großzügig bezuschusst.

„Tja, Henan, wo liegt denn das?“ werden sicher viele fragen. China ist groß. Im Programm von Reiseveranstaltern entdecken wir das Shaolin-Kloster auf den Reiserouten, in wenigen Fällen auch die Longmen-Grotten bei Luoyang. Seit einigen Wochen gibt es von der Hauptstadt Zhengzhou dreimal die Woche eine Flugverbindung mit einem Jumbo-Frachter nach Parchim bei Schwerin. Mehr ist nur wenigen von Henan bekannt.

Xinxiang liegt etwa 600 km südlich von Beijing und ist 70 km von Zhengzhou entfernt. Zum gelben Fluss zwischen Zhengzhou und Xinxiang sind es 50 km und zum Flughafen von Zhengzhou fährt man in 45 Minuten. Während die erste FH-Gruppe von Studierenden 1994 für die Busfahrt von Beijing nach Xinxiang 2 Tage benötigte, kann man heute die Strecke mit dem Bullet Train in 4 Stunden zurücklegen. (Geschwindigkeit bis 250 km/h)

Im Umkreis von 120 km von Xinxiang liegen historisch interessante Sehenswürdigkeiten, denn diese Gegend war lange Zeit ein Zentrum Chinas.

Zivilisationsfunde wurden auf 6000 AD datiert. In der Zeit 2100-1600 AD wurde Xia gegründet, Chinas erste Dynastie. Die Hauptstadt war in Yangcheng, heute ein Vorort von Dengfeng nahe Zhengzhou. Auf die Zeit 1300-1100 AD wurden Funde von Knochen und Schildkrötenpanzern datiert, auf denen Schriftzeichen eingraviert waren. Diese Funde sind in Anyang nördlich von Xinxiang zu sehen. Die Schriftzeichen gelten als der Ursprung der heutigen chinesischen Schrift und sind damit die frühesten Funde einer heute lebendigen Schrift. Im Zeitraum 1300-1046 AD war Anyang Hauptstadt.

Im Zeitraum 770-226 AD war Luoyang ein wichtiges philosophisches Zentrum, verbunden u.a. mit dem Namen von Laozi. 67 nach Christi Geburt kam der Buddhismus über Luoyang nach China. In der Folge entstand in Luoyang der erste Buddhistische Tempel in China, der White Horse Temple. Im Zeitraum 88-105 wurde die Papierherstellung in Henan erfunden. 25-196 war Luoyang Hauptstadt der Eastern Han Dynasty. 495 wurde der Shaolin-Tempel nicht weit von Dengfeng gebaut. Hier hat die Kung Fu Kampfkunst ihre Wurzeln. In den Longmen-Grotten bei Luoyang, einer Felswand an einem Flussufer, wurden seit 493 in einem Zeitraum von ca. 400 Jahren Zehntausende von Buddhafiguren in den Stein gemeißelt. Die größte Figur wird auf 675 datiert. Ein Besuch der Grotten ist äußerst eindrucksvoll. 960 wurde die Song Dynasty in Kaifeng gegründet. Kaifeng liegt wie Luoyang ebenfalls in der Nähe von Xinxiang.

1905 wurde die Eisenbahnverbindung Beijing-Wuhan gebaut, und 4 Jahre später der erste Teil der Verbindung Lianyungang-Lanzhou. Die Strecken kreuzen sich in Zhengzhou, das damit das Transportzentrum der Nation wurde. 1927 wird das Henan-Museum in Zhengzhou gegründet, heute ein fester Programmpunkt unserer Exkursionen. 1938 werden bei Zhengzhou Dämme des Gelben Flusses geöffnet, um die japanische Invasion zu stoppen. In direkter Folge sterben 890 000 Menschen. Auch dies gehört zur Geschichte Henans.

Über 2000 Jahre und für 20 Dynastien lagen die Hauptstädte des chinesischen Kaiserreiches in Henan. Die Provinz Henan ist mit 100 Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste Provinz Chinas. Heute ist es ein Zentrum landwirtschaftlicher Produktion mit industriellen Ambitionen in anderen Bereichen.

Xinxiang wurde 586 gegründet und hat heute ungefähr 600 000 Einwohner. In China werden oft die umliegenden Landkreise mit zu einer Stadt gezählt, dann hat Xinxiang nach Angaben der Zeitung China Daily 5,6 Mio Einwohner, ist die drittgrößte Stadt Henans und steht an 84-ter Stelle unter den 100 Top-Cities in China (China Daily vom 19.10.07). 500 Millionen von Chinas 1,3 Milliarden Einwohnern leben im Umkreis von 600 km um Xinxiang. Bodenschätze von Henan sind Kohle, Marmor und Ton. Xinxiang ist nach der Provinzhauptstadt Zhengzhou die zweitgrößte Hochschulstadt in Henan gemessen an der Zahl eingeschriebener Studierender.

Die sechs Schwerpunkt-Industriebereiche von Xinxiang sind Electronics, Bio-Engineering, Auto und Autoteile, Maschinenbau, Lebensmittelverarbeitung und Chemische Industrie. Ausgebaut werden soll ferner der Logistiksektor durch Xinxiangs Lage an der Schnittstelle der Nord-Süd-Verbindungen und der Ost-West-Verbindungen in China. Die Kühlschrankfabrik Xinfei Electric Appliances Group, die 18% des heimischen Marktes abdeckt, haben schon mehrere frühere Exkursionsgruppen unserer FH besucht. Überregional bekannt ist ferner die Kupferrohr-Produktion, die Herstellung von Verdampfern und Verflüssigern und die Herstellung von Blutprodukten. Xinxiangs Kranindustrie dominiert den heimischen Markt bei kleinen und mittleren Kränen.

Besonderen Wert legt Xinxiang auf die Verringerung der Umweltbelastung im Produktionsbereich. So werden beispielsweise die Zement- und die Papier-Herstellung auf wenige große Werke konzentriert. Gleichzeitig wurden laut China Daily 104 kleine Papierhersteller geschlossen.

Mit diesen Informationen nun zum Programmierpraktikum in Xinxiang, das ergänzt wurde durch Besichtigungen in Shanghai, Xi’an und Beijing. Begleitet wurden die Studierenden von den Professoren Erlenkämper, Dumbacher und Güsmann. Der Hinflug von Frankfurt nach Shanghai startete am 4.10.07. Dort am 5.10.07 nach 11-stündigem Flug um 7:00 h Ortszeit anzukommen ist schon hart. Die innere Uhr sagt 1:00 h , und Wecken im Flugzeug zum Frühstück war 2 Stunden vorher, nach innerer Uhr also um 23:00 h. Bis dahin hatte kaum jemand richtig geschlafen. Man traf sich zwischendurch an der „Bar“, d.h. an der Küche vom China Eastern Flieger, wo man sich mit Brötchen und Getränken selbst nach Belieben bedienen konnte.

Am Flughafen in Shanghai warteten Xue Mien und Chen Chen auf uns, die uns die nächsten 2 Wochen begleiten sollten und bei denen wir uns immer in guten Händen wussten. Nach der Fahrt ins Hotel startete das Besichtigungsprogramm. Ausruhen war nicht, denn wir hatten nur 2 Tage Zeit. Den Bund, dies ist die Uferpromenade am westlichen Ufer des Huangpu-Flusses, den Blick vom Fernsehturm, das Museum im Fuß des Fernsehturms, die Wolkenkratzer, die Leute auf den Straßen, die nächtliche Fahrt auf dem Huangpu-Fluss, das Shanghai-Museum, all dies muss man selbst erlebt haben. Der entsprechende Eindruck kann durchs Fernsehen oder durch Zeitschriften nicht vermittelt werden.

Am 7. Oktober um 11:52 h war die Abfahrt des Zuges nach Xinxiang. Aus dem Zugfenster sieht man natürlich mehr von der Landschaft, als von einem Flugzeug aus. Man kann Kontakt zu Mitreisenden aufnehmen, man kann handbetriebene Taschenlampen kaufen und wir hatten das Glück, einen berühmten Opernsänger im Wagon zu haben. Wir konnten ihn überreden, eine kleine Vorführung im Kostüm der Peking Oper zu geben. Er hatte gerade einen Nachwuchswettbewerb gewonnen, war 5 Jahre alt und jeder chinesische Mitreisende kannte ihn.

1:30 h am 8. Oktober Ankunft in Xinxiang, herzliche Begrüßung durch das Akademische Auslandsamt der HNU und durch Sun Quandang, der im Sommersemester für ein halbes Jahr Gastdozent an der FH Frankfurt war. Danach Fahrt ins Hotel auf dem Campus. Außen am Hotel ein riesiges Banner, welches uns willkommen heißt.

8:00 h Frühstück und um 9:00 h Campus-Rundgang und gleichfalls herzliche Begrüßung im College of Computer and Information Technology. Hier trafen wir in einem ehrwürdigen Raum bei Obst und Kuchen 2 Vice-Deans, Direktor Li des Auslandsamtes, den Parteisekretär, die durchführenden Dozenten und die studentischen Partner. Der Dean Prof. Xu Jiucheng war auf Dienstreise und begrüßte uns später.

Nach dem Lunch begann das Programmierpraktikum in Gruppen zu je 2 chinesischen und 2 deutschen Studierenden. Gegenstand der Aufgaben waren Socket-Programmierung, Assembler-Programmierung des PC-Lautprechers und Risk Management. Die Kommunikation fand auf Englisch statt.

Abends für die Studierenden Dinner im Hotel und Übergabe der Willkommensgeschenke, anschließend Spaziergang zusammen mit chinesischen Studierenden durch Xinxiang. Die Professoren waren am gleichen Abend von Vizepräsidentin Wang zu einem Festessen eingeladen worden.

An den nächsten Tagen gab es vormittags jeweils Unterricht in chinesischer Sprache von einer sehr guten Chinesischlehrerin, nachmittags wurde das Programmierpraktikum fortgesetzt. Die Zusammenarbeit in den chinesich-deutschen Programmiergruppen hat dabei ausgezeichnet geklappt. Abgeschlossen wurden die Programmierarbeiten mit einem zusammenfassenden Vortrag der Risk Management Gruppe und mit Statements jeder Programmiergruppe. Die Arbeit der deutschen Studierenden wurde nicht nur mit einem Schein gewürdigt, sondern zusätzlich mit einem Zertifikat der HNU, welches bei einer künftigen Bewerbung sicher ein eye-catcher sein wird.

An den Abenden gab es Essen, zu denen wir von chinesischer Seite eingeladen wurden und wir konnten uns auch mit einer Essenseinladung revanchieren. Neben dem in guter Erinnerung gebliebenem Essen gab es einen abendlichen Vortrag von Prof. Güsmann über Realzeitsysteme, ein Fußballspiel im Campus-Stadion und weitere gemeinschaftliche Unternehmungen der Studierenden auf dem Campus und in der Stadt. Hierzu gehörte auch ein lustiges Beisammensein auf Hotelzimmer 308 (~20 Studierende!), der aktive Besuch einer Karaoke-Bar und einer Disco.

Am folgenden Samstag wurde das kulturelle Programm fortgesetzt mit einer Bootsfahrt auf dem Gelben Fluss und mit der Besichtigung des Henan Museums in Zhengzhou. Lunch gab es im „Golden Hans“, innen Bierplakate aus Deutschland und anderen europäischen Ländern.

Sonntags hatten wir noch einmal Gelegenheit zu einer Shopping-Tour in Xinxiang und am späten Nachmittag kam dann der Abschied von unseren Freunden mit Abschiedsgeschenken und Tränen. Abends stiegen wir in den Nachtzug nach Xi’an.

Morgens am 15.10 erreichten wir Xi’an und nachdem wir unser Gepäck im Hotel deponiert hatten, starteten wir zu den Grabungsfeldern der Terrakotta-Armee. Auch hier gilt, wie schon oben für Shanghai geschrieben, der persönliche Eindruck ist viel intensiver, als es Fernsehbilder oder Zeitschriften vermitteln könnten. Die beeindruckende Stadtmauer und die große Wildganspagode besichtigten wir am nächsten Tag und abends bestiegen wir den Nachtzug nach Beijing, der auf der ca. 1000 km langen Strecke nur einmal gehalten hat.

Am Mittwochmorgen erreichen wir Beijing. Touristische Höhepunkte des Tages waren der Tiananmen Spuare, die verbotene Stadt, die Flaggeneinholung am Tiananmen Square mit kleiner Parade und dass unsere Studierenden Hannelores Reisegruppe wiedergefunden haben. Hannelore, eine ältere Dame aus Deutschland, hatte nämlich ihre Reisegruppe verloren, und stand nun ohne ausgemachten Treffpunkt und ohne Handynummer des Reiseleiters oder Visitenkarte des Hotels allein in der verbotenen Stadt. Unseren Studierenden gelang es mit eigenem Handy anhand ihres Vouchers Kontakt mit ihrem Veranstalter in Deutschland aufzunehmen, der allerdings auch nur die Nummer des allgemeinen Repräsentanten in China hatte. Gleichzeitig schwärmten andere aus und schließlich konnten unsere findigen Studierenden Hannelore mit ihrer Reisegruppe wieder zusammen bringen.

Für abends vermerkt das studentische Tagesprotokoll: „Dinner bei Mc Donalds“. Es war einfach mal nötig.

Neben vielen historischen Dynastien wird den Studierenden auch die moderne „Shopping-Dynastie“ in Erinnerung bleiben, der sie im touristischen Teil jeden Tag verbunden waren.

Nach 2 Tagen weiterer kultureller Höhepunkte flogen wir zurück nach Frankfurt.

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